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Wo steht Deutschland beim Quantencomputing?

Ein supraleitender Quantenchip wird mit einer Leiterplatte verdrahtet.AWS



Seit 2017 hat die Bundesregierung mehr als eine Milliarde Euro in die Hand genommen, um den Grundstein für die nächste technologische Revolution zu legen – das Quantencomputing. Im Whitepaper „Quantencomputing in Deutschland: Vom Forschungsstandort zum Innovationsökosystem“ zieht Fraunhofer ISI nun Bilanz. Steht Deutschland vor einem neuen Wirtschaftswunder oder bleibt es ein exzellenter, aber ökonomisch stumpfer Forschungsstandort?



Auf den ersten Blick lesen sich die Zahlen wie eine Erfolgsgeschichte: Deutschland hat sich im globalen Quantencomputer-Wettlauf als Schwergewicht etabliert. In der wissenschaftlichen Disziplin rangiert die Bundesrepublik weltweit auf einem beeindruckenden dritten Platz, nur geschlagen von den Supermächten USA und China. Besonders in Europa nimmt Deutschland eine unangefochtene Führungsposition ein.



Akademisch Top



Zwischen München, Berlin, Dresden und Hannover ist demnach eine lebendige Landschaft aus über 200 Wissenschaftsakteuren und regionalen Kompetenzclustern entstanden. Dies zeigt auch eine interaktive Landkarte zu öffentlich geförderten Organisationen, die sich mit Quantencomputern befassen.


Wo steht Deutschland beim Quantencomputing? Das analysiert das Fraunhofer ISI im oben abgebildeten Whitepaper.
Fraunhofer ISI



Doch hinter der glänzenden Fassade der Publikationsrekorde verbirgt sich ein strukturelles Ungleichgewicht. Rund 80 Prozent aller Aktivitäten finden in Universitäten und Forschungsinstituten statt. Die Industrie steht bislang mit lediglich 17 Prozent am Spielfeldrand. „Exzellente Forschung allein reicht nicht aus“, mahnt auch der Draghi-Report zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Die alles entscheidende Frage lautet: Kann Deutschland wissenschaftliche Stärke in industrielle Wertschöpfung verwandeln? Oder anders formuliert, bei der industriellen Anwendung steckt Deutschland noch in den Kinderschuhen.



Suche nach Quantenvorteil



Allerdings darf auch nicht vergessen werden, dass sich die Technologie trotz Milliarden-Investitionen noch in einer Phase der Unsicherheit befindet. Noch ist es weltweit aus Sicht der Studienautoren keiner Plattform gelungen, einen robusten und industriell relevanten Quantenvorteil nachzuweisen. Die Herausforderungen sind nach wie vor groß: Fehlerkorrektur, Skalierung und die Systemintegration der empfindlichen Quantenbits (Qubits) gilt es in Griff zu bekommen.



Bisher förderte Deutschland, so die Autoren des Whitepapers, nach dem Gießkannenprinzip: Technologieoffenheit war das Gebot der Stunde. Doch die 2025 beschlossene „Hightech Agenda Deutschland“ läutet einen Paradigmenwechsel ein. Bis 2030 sollen mindestens zwei fehlerkorrigierte Quantencomputer auf europäischem Spitzenniveau entstehen. Dafür wird das Feld radikal eingegrenzt: Die Ressourcen fließen künftig konzentriert in drei vielversprechende Quanten-Plattformen – Supraleiter, Ionenfallen und Neutralatome.



Valley of Death der Innovationen


Landkarte der Quantenaktivitäten in Deutschland.
Fraunhofer ISI



Dabei identifizieren die Experten des Fraunhofer ISI ein gefährliches Dilemma. Während die USA auf kapitalkräftige Tech-Giganten wie IBM oder Google und hochfinanzierte Startups setzen, entstehen deutsche Demonstratoren meist aus befristeten Förderprojekten wissenschaftlicher Gruppen. Es fehlen, so die Autoren, die großen Systemintegratoren, die die komplexen Bauteile zu marktfähigen Produkten orchestrieren.



Zudem drohe eine nationale Fragmentierung. Die neun verschiedenen regionalen Quanteninitiativen der Bundesländer – vom „Munich Quantum Valley“ bis „Quantum Saxony“ – seien zwar eine Stärke, führten aber oft zu Redundanzen und ineffizientem Mitteleinsatz.



Agenda für technologische Souveränität



Damit der Sprung aus dem Labor in die Fabrikhallen gelingt, schlägt das Whitepaper drei radikale Kurskorrekturen vor:




Anwendung vor Theorie:




Technologische Ziele müssen aus echten Use Cases in der Chemie, Logistik oder Materialentwicklung abgeleitet werden, statt nur nach immer höheren Qubit-Zahlen zu jagen.




Europäische Allianz:




Deutschland kann den Wettlauf gegen China und die USA nicht allein gewinnen. Integrierte europäische Wertschöpfungsketten und gemeinsame Standards sind überlebenswichtig.




Wirtschaftliche Anreize:




Unternehmen müssen durch Industry-Fellowships und offene Testbeds früher in die Entwicklung eingebunden werden, um den Übergang zur Marktreife zu beschleunigen.



Letztlich zeigt das Whitepaper: Die wissenschaftliche Basis ist Weltklasse, doch die Uhr tickt. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob die Milliarden-Investitionen in nachhaltige Arbeitsplätze und technologische Souveränität fließen oder ob Deutschland lediglich als verlängerte Werkbank für ausländische Tech-Giganten endet.